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Aufbruch

Wenn man Menschen fragt, warum sie mit Religion nichts zu schaffen haben wollen, hört man von den katholischen immer dieselben Argumente: Papst, Unfehlbarkeit, Empfängnisverhütung, Rolle der Frau, Verbot der Heirat von Priestern etc. etc.

Natürlich gibt es da viele, viele ganz schwierige, ungeklärte Punkte, niemand kann und wird das abstreiten – aber ich bin mir sicher: das alles gibt nicht den Ausschlag für die Vermeidung der Annäherung an das, was als Schatz im Zentrum übrigens aller Religionen steht.

Die katholische Kirche ist durch die erwähnten Punkte einfach nur leichter angreifbar:
Bei den evangelischen Kirchen, im Anglikanismus in Großbritannien etc, dort existieren diese im Mittelpunkt der Kritik stehenden Aspekte überall nicht – und trotzdem leiden diese Kirchen an genau denselben Schwierigkeiten wie die katholische: leere Kirchen, viele gleichgültige Mitglieder, die höchstens zu den üblichen Events aufzuwecken sind wie Weihnachten, Heirat, Beerdigung, Kirchentagen mit Pep und Pop.
Dies alles hat natürlich seine Berechtigung – aber mit Religiösität und Wachstum hat das Ganze wenig zu tun.
Nicht kalt, nicht heiß.

Papst Benedikt gestern in seiner Predigt in München:
“Dieser Vorgang, das Sakrament der Taufe, hat nichts Magisches an sich. Die Taufe eröffnet einen Weg. … Der Weg des Getauft-Seins muss ein Prozess des Wachstums werden…”

Taufe ist Beginn. Religiöses Leben aber ist eine Sache der immer neuen persönlichen Entscheidung. Da gibt es keinen Automatismus, da läuft kein Fließband, das einen ungefragt in eine bestimmte Richtung transportiert. Was ansteht, ist, sich selbst auf den Weg zu machen, einen Weg zu gehen, zu erleben und zuzulassen, dass sich mit und mit Innenräume öffnen – und eine Welt sich zeigt, eine Wirklichkeit sich offenbart, in der und für die man nur in schweigendem Staunen danken kann.

Es geht um Wachstum des Menschen. Um so etwas Unmodernes wie inneres Reifen.

Mit unserer Vernunftbegabung, unseren rationalen Kräften haben wir Unglaubliches geschaffen und erreicht. Ohne eine Entwicklung auch unserer inneren Dimensionen und in sie hinein wird sich die Welt des Technischen und des Machbaren – so segensreich sie, sinnvoll genutzt, sein kann und ist – aber immer mehr verselbstständigen, verabsolutieren, mit unabsehbaren Folgen.

In seiner Ansprache gestern brachte Papst Benedikt genau das auf den Punkt:
“Die Völker Afrikas und Asiens bewundern zwar unsere technischen Leistungen und unsere Wissenschaft, aber sie erschrecken zugleich vor einer Art von Vernünftigkeit, die Gott total aus dem Blickfeld des Menschen ausgrenzt und dies für die höchste Art von Vernunft ansieht, die man auch ihren Kulturen aufdrängen will.
Nicht im christlichen Glauben sehen sie die eigentliche Bedrohung ihrer Identität, sondern in der Verachtung Gottes und in dem Zynismus, der die Verspottung des Heiligen als Freiheitsrecht ansieht und Nutzen für zukünftige Erfolge der Forschung zum letzten ethischen Maßstab erhebt.”

 

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